
Was ist eigentlich das Besondere am Flugsport? In den Köpfen der meisten Menschen gilt Flugsport als Risikosport – das bekommt man ja schon als Kind eingetrichtert! Ist es der Ruch des letzten Abenteuers, das Feeling von Freiheit, der vor allem das männliche Geschlecht zu Drachen- und Gleitschirmfliegen zieht? Sportwissenschaftler sind sich einig, dass der häufig in den Medien verwendete Begriff „Risikosport“ einer dringenden Revision bedurfte. Der Karlsruher Professor, Siegbert Warwitz, selbst aktiver Drachen- und Gleitschirmpilot, untersuchte die Hintergründe und Motivationen und kreierte den Überbebriff „Wagnis“- Sport, der meiner Meinung nach den Nagel auf den Kopf trifft. Erlebnispädagogen ordnen diese Sportarten den Erlebnis- und Natursportarten zu. Ob Klettern, Wildwasserfahren, Tauchen oder Fliegen, alle haben sie eines gemein: Es finden Fortbewegungen in Räumen statt, für die der Mensch nicht geeignet sind. Um Luft, Wasser, Eis oder Höhen über 5000 Meter zu bezwingen, braucht es enorme technische Hilfsmittel und einiges an intellektueller Leistung. Diese Dimensionen waren noch bis vor hundert Jahren ausschließlich den Vögeln, Fischen und Lebensmüden vorbehalten! Doch was sind nun die Motive einer handvoll verrückter Sportler?
Verlangen nach Endorphinen Warum suchen Abenteuersportler Wagnis, Risiko und Thrill. Verhaltensforscher behaupten, dass das Abenteuer positive Spannungszustände erzeugen kann. Der Flugsport im Speziellen hat eine interessante Eigenart. Wer ehrlich ist, der weis, dass wir oft mit erhöhter Erregung, Aufgeregtheit bei einigen sogar mit einem mehr oder weniger hohen Angstlevel operieren. Fragt man nun genauer nach, zu welchem Zeitpunkt dieses Gefühl am stärksten ist, so wird von vielen die Zeit unmittelbar kurz vor dem Flug angegeben. Dies wurde übrigens schon durch mehrfache wissenschaftliche Untersuchungen bestätigt. Ich erkläre mir das folgendermaßen: Jedem Piloten ist vermutlich mehr oder weniger bewusst, dass es nach dem Start kein Zurück mehr gibt. Ist das Fluggerät einmal in der Luft, so muss die Situation bis zur Landung gemeistert werden. Anhalten, verharren, ausruhen, in Ruhe nochmals überlegen, ist normalerweise nicht drin! Natursportarten haben außerdem die Gemeinsamkeit, dass die Elemente Luft/Wind/Wetter nicht in 100berechen- bzw. vorhersagbar sind. Welche Gefahren, Besonderheiten gilt es während Start, Flug und Landung zu meistern? Diese Ungewissheit löst eine Spannung, je nach Level einen mehr oder weniger hohen Reiz aus. Diese Spannung aufzubauen und anschließend mittels Wissen und Fähigkeiten souverän zu Bewältigen wird von Vielen als äußerst lustvoll empfunden. Der Körper schüttet, so die wissenschaftliche Erklärung der Biologen, körpereigene Belohnungsstoffe, Endorphine aus, die sogar eine gewisse Abhängigkeit erzeugen können. Unser Körper, genauer gesagt unser Gehirn möchte diese Belohnungen immer wieder erleben. Vielleicht für viele der Grund, diesen Sport fast fanatisch auszuüben. Erwiesener Maßen ist dieser Sport der Grund von Trennungen und Scheidungen, andersherum zum Glück auch die gemeinsame Basis von langjährigen und unzertrennlichen Freundschaften.

(Flug-) Sport als soziales Erlebnis Stell dir vor, du gehst alleine zum Fliegen an einen Berg wo kein Mensch lebt, wo keiner zu schaut, wo Du dich mit niemandem über das erlebte unterhalten und austauschen kannst. Travel und Training ist in nicht nur für die Flugschulen im Zeichen rückgängigen Neukundenzahlen ein einbringliches und kundenbindendes Geschäft. Es macht einfach Spaß, den gelungenen Flugtag mit lukullischen Köstlichkeiten zu beenden und gleichzeitig alles erlebte nochmals Revue passieren zu lassen. Das obligatorische „Landebier“ hatte schon immer besonderen Belohnungscharakter. Szenekenner wissen, dass französischer oder italienischer Rotwein die Steigwerte und Einklapptiefen gerne mal verdoppeln bis verdreifachen lässt. Aber auch das Leistungsmotiv: Schneller – höher-weiter“ wird vor allem in unseren modernen Leistungsgesellschaft mittels High-technology äußerst lustvoll ausgelebt. Was täte man ohne Barogramm, Digitalfoto und Internet. Flugsport passt in die schnelllebige intensive Zeit. Worldwide mit-teilen und erleben ist angesagt und macht Spaß. Also schon wieder ein verrückter Gegensatz. Auf der einen Seite drängt es den modernen Europäer zur Individualität, zur maximalen Flexibilität, zum Einzelzimmer, jederzeit per Handy und eMail erreichbar. Auf der anderen auf der Suche nach Sozialkontakt und Gemeinsamkeit.

Fliegen und „Flow“ Diese auf einen amerikanischen Motivationsforscher zurückgreifende Theorie wird als Ursache vielerlei, meist positiv besetzter Handlungsursachen gesehen. Mihaly Csikszentmihalyi hat verschiedene Kennzeichen dieses speziellen Flow-erlebnisses zusammengetragen und wissenschaftlich nachgewiesen. Das Flow-Erlebnis wird als Zustand extremen Wohlfindens, dem sich im selbsvergessenen Aufgeben in einer gut beherrschten Tätigkeit gesehen. Die Tätigkeit erfolgt auf vollkommen innerem Antrieb seiner selbst willen, vollkommen unabhängig von materiellem Ertrag. Dieses Phänomen kennt man nicht nur im Sport. Er berschreibt es auch bei darstellenden Künstler, bei den so genannten Workaholics aber auch bei anderen Tätigkeiten des täglichen Lebens wie Lesen, Essen bis hin zum Sex. Ein Flowerlebis kann allerdings nur derjenige haben, der bereits einen hohen Grad an Perfektion in der Ausübung erreicht hat. Sportwissenschaftler sprechen von Automatisierung wenn Bewegungen vollkommen automatisch ohne Befehle des Großhirns ablaufen.
Ein Transfer zum Flugsport: Auch der Flugsportler geht voll und ganz in seiner zweckfreien Tätigkeit auf, vergisst mit der vollen Konzentration auf die Bewältigung der sich selbst und freiwillig gestellten Aufgabe alles irdische. Der Pilot wächst mit seiner Flugmaschine zusammen. Während der Steuerbewegungen beim Thermikfliegen denkt der Pilot nicht an Flugtechnik, er verwächst voll und ganz mit seinem Flügel. Alles erdgebundene, der Stress am Arbeitsplatz, die Spannungen in der Familie bleiben am Boden. Auch Csikszentmihalyi erklärt den gewollten Drang zur Wiederholung unter anderem mit biologischen Belohnungsstoffen in unserem Körper. Flowerlebnisse bei Flugschülern scheiden scheiden aufgrund des mangelnden Könnens aus.

Gefährliche Sicherheit Der Stuttgarter Naturwissenschaftler und Verhaltensforscher Felix von Cube erklärt die Motivation zu Risikosportarten mit dem so genannten „Sicherheitstrieb“ bzw. dem von ihm kreierten „Sicherheit-Risiko-Gesetz“. Seine These: Je sichere man sich fühlt, desto größer ist das objektive Risiko, das man eingeht oder aufsucht. Der Beleg: Extremsport wird nur in hoch industrialisierten Ländern betrieben. Wie wir wissen stehen Europa und Japan an der Spitze des Marktes. Wenn Menschen um die Existenz des täglichen Lebens, Essen, Behausung etc. zu kämpfen haben, so steht ihnen nicht der Sinn nach abenteuerlichen Handlungen, da das Leben selbst Abenteuer genug ist. „Je länger die Sicherheit währt, desto intensiver wird die Suche nach der Unsicherheit“ so Cube in seinem Buch „Gefährliche Sicherheit“. Ein Beispiel aus dem täglichen Leben: Wird ein Autofahrer nicht durch äußere Umstände zu einem anderen Verhalten gezwungen, so fährt er gemäß dem Sicherheits-Risiko-Gesetz. Fährt er – seinem Empfinden nach – zu schnell, wird die (subjektive) Unsicherheit zu groß, so bekommt er Angst und fährt langsamer. Fährt er – seinem Empfinden nach – zu langsam, mangelt es ihm an Unsicherheit; es wird im Langweilig, er fährt wieder schneller. Dieses Beispiel auf den Flugsport zu übertragen fällt leicht und ist in der Tat ein häufig beobachtbares Verhalten draußen in den Fluggeländen. Sehr häufig versucht der Pilot immer ein im angemessenes „Unsicherheitslevel“ zu erreichen, notfalls sogar künstlich zu erzeugen. Wird dem Pilot aufgrund der Wettersituation und der sich ergebenden Gefahr der Flug zu heiß, so geht er zum Landen. Bieten die subjektiv vorgefundenen Wetter-, Gelände- oder Fluggeräterisiken nicht mehr genügend Adrenalinausschüttung, so wird der Nervenkitzel einfach künstlich erzeugt. Dies könnte beispielsweise der Grund für das fliegen extremer Manöver mit geringem Bodenabstand, landen auf exponierten und gefährlichem Terrain (Startplatz) und unter anderem das Motiv der gesamten Akroszene sein. Aus einem „langweilig“ erscheinenden Gleitflug entsteht durch das Fliegen mit ungewissem Ausgang, nicht voll vorhersehbarer Situation wieder das gewollt genossene Level von „Action und Thrill“.
O Bock auf Langeweile Cube führt weiter an, dass das tägliche, mitteleuropäische Leben von eintöniger Arbeit, „geordneten“ Verhältnissen, routinemäßig, versicherten und geordneten Tagesabläufen und weithin Langeweile gekennzeichnet seien. Er sieht im Ausüben von bestimmten Freizeitsportarten, speziell denen die mit Abenteuer und Wagnissen verbunden sind, das Ausleben und die Befriedigung von Trieben. Dem sog. Neugier und –Sicherheitstrieb, welcher in jedem Mensch in unterschiedlichem Level ausgeprägt ist. Die Chancen zum Ausleben dieses Triebes seinen in Alltag nicht mehr gegeben. Auch Wirtschaftsfachleute erklären sich auf diese Weise den Erfolg der boomenden Freizeitbranche und Reisebrache.
Sind wir nicht alle ein bisschen Bluna? – Versuch eines Fazits Häufig sind es wohl mehrere Gründe, die uns zu entsprechenden Handlungen treiben und es ist klar, dass sich wohl das meiste im Unterbewusstsein und vollkommen unreflektiert abspielt. Nach einem gelungenen Flugtag kommt es auf Fliegerfreizeiten am Abend ja immer wieder zu netten Diskussionen über den Sinn und Unsinn des Fliegens. Doch auf die Frage, ob trotz hoher Investitionen an Zeit und Geld die Ausübung des Flugsports bereut werden würde erhält man in fast allen Fällen am Ende ein klares „Nein!“
Klaus Irschik
Literaturangaben: Csikszentmihalyi, M.: Flow – das Geheimnis des Glücks. Stuttgart 1992 Cube, F.v.: Gefährliche Sicherheit. München 1990. Warwitz, S.: Sinnsuche im Wagnis.Baltmannsweiler 2001. Schleske, W.: Abenteuer – Wanis – Risiko im Sport.Schorndorf 1977. |