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Annecy, der Tausendsassa im Herzen Frankreichs

Annecy,  der Tausendsassa im Herzen Frankreichs

 

 

Fliegerisch gesehen schlägt Frankreichs Herz in Savoien. Im Viereck zwischen Chamonix-Genf- Aix-les-Baines und Grenoble.  Nirgendwo sonst in Frankreich finden sie eine solche Fülle von hervorragenden Fluggeländen. Schön vor allem, weil bedingt durch Bewuchs, lieblicher Geländeform die Thermik eher gemütlich blubbert. Die meisten Start- und Landeplätze sind großzügig bemessen und laden auch Drachenflieger zur stressfreien Landung ein. Schön auch weil die Bevölkerung gegenüber unserem Sport so positiv eingestellt ist. Sie spüren das. Egal ob sie es an der Anzahl der Postkarten mit Gleitschirmmotiven oder am der Auskunft zu Fluggebieten im örtlichen „Office du tourisme“ messen. Auch das Zurücktrampen per Auto stopp ist mit Gleitsack ein Kinderspiel. Ganz Savoien ist „Pro  Parapente“ eingestellt!

 

Annecy - Magnet mit internationalem Flair

 

Japanische, südafrikanische und englische Piloten. Alles trifft sich in Annecy. Fast jeder aktive Pilot war schon einmal da – natürlich zum Urlaub machen. Doch was macht Annecy – zum (Flug-)Urlaubsort Nummer eins, zu einem der bekanntesten und meist beflogendsten Fluggelände der Welt.

Sicher liegt es nicht nur am kristallklaren Wasser des etwa 20 km langen Lac du Annecy. Es ist der Mix aus traumhafter Berglandschaft die sich von fast 2000 Metern bis ins Flachland hineinzieht.

Das Gebiet spricht einfach jeden an. Ein gefundenes Fressen für Leute die sich gerne bewegen. Zudem aufgrund der vielfältigen Bade- und Ausflugsmöglichkeiten ein Traum für die ganze Family. Gemütliche oder knackige Fahrradtouren rings um den malerischen See, Scating, ein flotten Segelturn mit dem gemieteten Kat oder einfach nur fliegen, baden und Landebier. Rund ein dutzend Campingplätze finden sie rund um den See. Natürlich die preiswerteste Möglichkeit dort zu wohnen. Die meisten Bewohner sprechen holländisch.  

Die Einheimischen sind sich des Wertes ihrer Landschaft wohl bewusst. Denn leben und wohnen in Annecy ist vergleichsweise teuer!

 

 

Fliegen am Lac d`Annecy

 

Die Hauptgelände sind nach Südwesten ausgerichtet. Perfekt also für Spätaufsteher. Eines der ältesten Fluggebiete Frankreichs – der Col de la Forclaz ist das etwas höhere Fluggelände. Planfait – das niedrigere und neuere Fluggebiet mit gerade mal 350 Höhenmetern. Von den Franzosen oft auch als Übungshang bezeichnet.  Was würden wir geben, solch einen Übungshang zu haben… Beide liegen am Ostufer des Sees und Luftlinie gerade mal 5 km auseinander. Planfait hat seinen eigenen Landeplatz, der durch eine Stromleitung etwas anspruchsvoller ist als das große Areal bei Dussard.

 

Auch am Westufer des Sees gibt es ein offizielles Gelände. Ein kleines Ostgelände das eigentlich nur morgens zu befliegen ist. Aufgrund des geringen Höhenunterschiedes und des ca. 10 minütigen Fußmarsches fliegt man hier meist alleine. Es können sowieso nur maximal ein Gleitschirm ausgelegt werden. Bester Startzeitpunkt 9 Uhr am morgen. (s. Anfahrtsbeschreibung).

Wer jeglichen Trubel vermeiden und eine stattliche Westsoaringkante erleben möchte, der ist auf dem Semnoz genau richtig. Direkt von Annecy fährt man ca. 1 Stunde den Berggrat entlang (Karte). Oben dann Natur pur mit ausgedehnten Weiden und einer herrlichen Aussicht in Richtung Westen. Die Nachteile. Verglichen mit den Hauptgeländen am See eher kleine Start- und Landeplätze und ein relativ langer Anfahrtsweg durchs Niemandsland. Kein Shuttleservice verfügbar. Die Besonderheit: Drachenflieger dürfen am Modellflughang starten.

 

 

Betriebsanleitung für die Fluggelände

 

Hauptsaison ist August und September. September ist etwas weniger los, weil die Franzosen schon wieder beim Arbeiten sind. Geflogen wird dort aber das ganze Jahr!

Fahren Sie zuerst am Westufer des Sees von Annecy in Richtung Albertville. Schon von weitem können sie dann auf der anderen Seite des Sees die beiden (Haupt-)Fluggelände erkennen. In der Regel wird ab 9 geflogen. Nach ca. einer halben Stunde kommen sie am Ende des Sees nach Doussard. Hier liegt, leicht nordwestlich, der neue große und hindernisfreie Landeplatz. Parken kein Problem.

Tagsüber bläst der Wind von Annecy, sprich vom See her. Zwischen 14 und 16 Uhr kann die Taldüse dann auch ganz schön knackig werden. Macht nichts, denn das Hauptfluggelände (Forclaz) befindet sich luvseits und sie können sich mit dem Wind und Supergleitwinkel zum Landeplatz treiben lassen.

 

Stellen sie ihr Auto am Landplatz ab. Nehmen sie – wie überall in Frankreich - ihre Wertsachen mit und öffnen sie das Handschuhfach. Es wird überall geklaut!

 

Mein Tipp: Beginnen sie mit einem morgendlichen „top-to-bottom-Flug am Col de la Forclaz. Einfach so zur Orientierung. Nehmen sie die Navette, einem Shuttleservice der ortsansässigen Schulen, ab ca. 9 Uhr.  Nach ca. 40-minütiger Fahrt durch eine wilde Schlucht  stehen sie am Startplatz. Gigantisches Panorama.

Die künstlich eingerichteten Startflächen sind der Hammer.  Eine mit schwarzer leicht gerippter Folie minutiös beplankte Megastartfläche in perfekter Neigung lädt förmlich zum Start ein. Direkt in Richtung See. Drachenflieger haben zusätzlich 2 Rampen. Die Rampe am Restaurant ist ausschließlich für kommerziellen Tandemflug reserviert.

Früh morgens sind nur Flugschüler und SIV-ler sprich Sicherheitstrainingsleute unterwegs. Je später der Tag, desto mehr Tandemprofis kommen hinzu. Achtung. Die Tandemleute haben am Startplatz Privileg. Ca. 10 kommerzielle Unternehmen haben diesen Traumstartplatz angelegt und somit Vor-Auslegerecht. Dies hat auch schon zu heftigen Streitereien geführt. Ab ca. 11 Uhr kommen die Tandemflieger im 30-Minuten-Takt. Warten sie einfach den Schwall ab und präparieren sie ihren Schirm in den großen Flächen hinter dem Startplatz. So vermeiden sie jegliche Hektik und jeden Konflikt. Kommen sie dann mit angelegten Gurt und gechecktem Schirm nach vorn. Die Profis haben hier extra einen Helfer – zu erkennen an einer roten kurzärmlichen Weste mit der Aufschrift „Regulateur“ – engagiert. Er hilft allen Piloten beim Startplatz, sorgt dafür dass die Starts einigermaßen organisiert und koordiniert ablaufen. Eine sehr effektive und nachahmenswerte Einrichtung!

 

 

Der Orientierungsflug

 

Checken Sie bei ihrem ersten Flug das ganze Gelände erst mal ab.  Dazu einen kurzen Schlenker nach rechts (richtung nordost) und links am Hang entlang. Auf der rechten Seite sind die Ablösungen, die über den vorgelagerten Grat hochblubbern am Nachmittag am wahrscheinlichsten.

Dann einfach mal gerade aus Richtung See.  Halten sie nun links. Sie sollten sich ohne Thermik und ohne Windeinfluss spätestens nach 200 verlorenen Metern in Richtung Landeplatz machen.  Am Ende des Sees, ca. 5 km,  haben sie dann auch bald den Landeplatz ausgemacht. Eine große Turnhalle ist direkt daneben.

Es ist ein gigantisches Gefühl, ca. 400 Meter über die glasklaren Wasser. Den Wassersportlern von oben zusehen.  Bereits ab 12 Uhr merken sie, wie der Talwind schiebt, von Annecy her. Schauen sie sich nun den Landeplatz aus der Luft an und prägen sie sich die Landevolte ein. Achtung. Am Nachmittag müssen sie nur einen ganz kurzen Gegeneinflug einplanen, da der Wind meist deutlich auffrischt. Stärken sie sich nach dem Flug mit einem netten Imbiss am Landeplatz. In diesem Fluggelände ist wirklich alles organisiert – big business!!

 

Thermikfliegen am Forclaz

 

Bei überregionaler Schwachwindsituation und Sonneneinstrahlung geht es ab ca. 14 Uhr

zur Sache. Da praktisch immer und überall Leute fliegen, ist quasi jeder Bart markiert. Absaufen kaum möglich. Rechnen sie ab dem frühen Nachmittag mit vielen Piloten. Doch keine Panik. Das Gelände verschluckt vor allem durch perfektes Starttiming 100 Piloten mit links. Mit anderen Worten. Wenn es dann zu tragen beginnt, kann im Prinzip nach kurzer Startüberhöhung oftmals die ganze Seekante abgeflogen werden.  Alles verteilt sich perfekt im dreidimensionalen Raum. Beobachten sie nun genau, wie hoch die Thermik trägt. Spätestens ab 15 Uhr können Sie dann  mit einem kleinen Rundflug, der „Tour du lac“ beginnen.

 

Tour du lac

 

Wie funktionierts? Erstmal rechts vom Start den kleinen Vorhügel, ca. 200 Höhenmeter überhöhen. Schauen sie 5km am Hang entlang. Dort sehen sie bereits die am Planfait gestarteten Piloten mit ihrer Startüberhöhung. Hangeln sie sich dann weiter zur zweiten markanten Felsspitze, der Dent Lafon.  Wenn sie diesen Fels auf Gipfelhöhe erreicht haben, können sie mit leichtem Seiten-/Rückenwind den See an der engsten Stelle überqueren. Achtung. Am Dent lafon ist es manchmal etwas turbulent. Dann, wenn der Talwind des nächsten Tales über den Kamm bläst.

 

Skizze und/oder Bild

 

Ziel der Querung ist ein gegenüberliegender, ganz markanter und sehr schmaler Bergrücken. Ab 14 Uhr treffen sie dort auf perfekte Soaringkonditionen mit Wind direkt aus Annecy.  Wenn sie am Dent Lafon mit Gipfelhöhe abfliegen, kommen sie normalerweise am Roc de Boeuf mit guten 200 Metern Überhöhung an. Gerade so hoch, dass Sie die  Leewalze überfliegen. Der Vorteil. Schaffen sie die Talquerung nicht, können sie jederzeit abbrechen und sich wiederum mit Rückenwind Richtung Landeplatz Doussard treiben lassen. Falls sie zu tief sind müssen sie in leichter Leesitation auf der Westseite des Sees landen. Wiesen ohne Ende.

Schaffen sie den Sprung, so geht es mit gemütlich gleichmäßig steigenden Hang nach oben.   

Wenn sie nun den Berg an der höchsten Stelle mit mindestens 50 Metern überhöht haben, können sie wiederum das schwach ausgeprägte Lee überfliegen und direkten Kurs zum Landplatz nehmen. Profis schaffen sie Tour in weniger als einer Stunde. Doch, lassen sie sich Zeit, die Thermik reicht im Hochsommer oft bis 20 Uhr.

 

Annecy, wenn´s schifft!

 

Bei schlechtem Wetter gibt’s einen netten Ausflug in den Ort Annecy. Die verwinkelten Gassen a la Canale Grande laden zum Shoppen und Schlemmen ein. Doch stellen sie sich darauf ein, dass sie nicht alleine sein werden. In der Sommerzeit drängen sich massenhaft Touris durch die Gassen in Richtung Schloss. Höhepunkt ist das ehemalige Stadtgefängnis auf dem Palais du l`Ile.  Geniesen dort einen Grand Cafe o lait und freuen sie sich auf den nächsten Sonnentag.

 

Klaus Irschik



 
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