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Angst im Flugsport

Angst

im Flugsport


…schon ganz schön turbulent heut. Zuerst war es schwierig, den Hang zu überhöhen, doch jetzt geht die Post ab. Mit einigen kleinen Klappern geht’s wie im Fahrstuhl nach oben. 500m , 700m, und mein Vario brüllt hysterisch. Über mir und unter mir noch Gleitschirme. An der Wolkenbasis, ziemlich dunkel, seh ich noch ein Segelflugzeug vorbeihuschen. Hey, was`n jetzt los? Ich seh den Rand der Wolke. So kräftig hab ich die Thermik doch noch nie erlebt... Mir wird’s mulmig. Schlagartig erinnere ich mich an die Theorieschulung letztes Jahr im August. Unter keinen Umständen in Wolken einfliegen, Staubsauger. Verdammt, Null Sicht,  Sch…

Ich spür, dass ich jetzt was machen muss. Ok, Ruhe bewahren, Ohren anlegen. Das Vario schreit weiter. Jetzt bin ich in der Wolke.

Wo sind meine B-Leinen? Ich seh nichts mehr, keine Ahnung wo oben und unten ist. Abstiegshilfen? – keine Checkung.

Turbulenz, Schirm schießt vor. Keine Zeit zum Nachdenken. Panik. Uff... es wird hell. Sehe Umrisse von Wolken, da ist der Boden wieder.

Nichts wie weg. Ich geh zum Landen. Nix wie runter, mir reicht´s. Komplett nass geschwitzt mit zitternden Knien treff ich am Landeplatz meine Flugkameraden: „ Na wie war´s?“…

 

Eine erfundene Geschichte? Schon einmal etwas ähnliches erlebt? Schon mal übermütig gewesen und eins auf den Deckel bekommen? Nein? O.k., dann gibt es auch keinen Grund, weiter zu lesen.

...

Ah, immer noch dabei? Also doch schon einmal ein entsprechendes Erlebnis gehabt oder unmittelbar miterlebt, oder zumindest das Gefühl gehabt, dies hätte einem selber auch passieren können? Dann bitte weiter lesen, es könnte interessant werden!

 

 

Angst biologisch gesehen

 

Längst ist bekannt, dass der ominöse Gefühlszustand in unserem Metier ein großes Thema ist. „Angst gehört zum Business“, frozzelt der Fluglehrer beim Schnupperkurs. Doch was genau ist eigentlich Angst? Oft wird Angst mit Negativem wie Enge, Eingeschnürt sein, Unwohlsein in Verbindung gebracht. Angst heißt, anders ausgedrückt: „Ich bin angespannt, verwirrt, nervös, und habe Stress“.

Psychologen sind der Sache auf den Grund gegangen. Sie stellten fest, dass Angst vom Grunde her etwas Positives ist und von der Natur als Schutzeinrichtung gedacht. Für sie zählt der Grad der „Erregung“, welcher im Körper durch die Ausschüttung von Hormonen gesteuert wird.

Fly and Glide hat Piloten befragt:

 

Wovor haben Gleitschirm und Drachenflieger Angst:

 

Angst

 

-          vor körperlichen Verletzungen mit mehr oder weniger gravierenden Folgen, im schlimmsten Fall dem Tod

-          vor Einklappung in Turbulenzen

-          vor einer falschen Einschätzung des Wetters

-          vor den Gefahren am Landeplatz

-          vor einem Zusammenstoß in der Luft

-          vor der Auslösung des Retters

-          vor grossflächigerThermik - überall geht’s hoch

-          vor Höhenangst

-          vor dem Kontrollverlust, sich nicht mehr zurechtzufinden.

-          vor „unlandbarem“ Gelände beim Streckenflug

-          vor dem Absaufen

-          vor anderen zu versagen, das Gesicht zu verlieren

-          vor dem offenen Zeigen von Angst

-          vor der Angst.

 

 

Woran erkennt man das Level seiner Angst?

 

Schon mal am Startplatz genau beobachtet, wie der Körper im Einzelnen reagiert? Warum ist die Schweissentwicklung heute staerker als sonst und der Mund auf einmal so trocken? Bei jedem wirkt sich das erhöhte Angstlevel anders aus. Alles ist einfach anders als „normal“. Der Nervöse wird auf einmal sehr ruhig. Der Schnelle braucht 20 Minuten für den Vorflugscheck. Gabi hat Durchfall. Hans geht schon zum 3. Mal zum Pinkeln. Die Farbe im Gesicht ist anders als sonst und der Herzschlag plötzlich hörbar. Kalter Schweiß steht auf der Stirn. Die erhöhte Kreislauftätigkeit fordert ihren Tribut. Eine erste Folge ist verstärkter Darm- und Blasendrang.

Vorsicht: Dies ist eine klare Reaktion des Körpers.

 

 

Wann kommt, wann geht die Angst?

 

Eine Untersuchung bei Fallschirmspringern brachte interessante Erkenntnisse. Unabhängig davon, ob jemand erfahrener Springer oder Anfänger ist, kämpft jeder mit der Angstproblematik. Während jedoch beim Anfänger die Kurve in den letzten Minuten und Sekunden vor dem eigentlichen Start ihren Klimax erreicht, verlagert sich die Erregung beim Crack auf die Stunden vor dem Flug und erstaunlicherweise auch nach dem Flug. Viele berichten, dass der beängstigende Gefühlszustand unmittelbar nach dem Abheben wie weggeblasen ist.

Längst ist auch bekannt, dass Angst die Folge eines einschneidenden gefährlichen Ereignisses sein kann. Ob am eigenen Leibe erfahren oder unmittelbar miterlebt, spielt dabei keine wesentliche Rolle. Die Folgen eines solchen Erlebnisses werden oft nicht sofort danach bewältigt. Einige berichten sogar, dass die Verarbeitung oft erst nach Tagen, manchmal sogar erst nach Wochen oder gar Jahren erfolgt.

 

 

 

Wann wird`s gefährlich?

 

Je nach Level und Angsttyp verfügt jeder über eine mehr oder weniger vererbte, zu einem gewissen Anteil auch „angelernte“ Angstdisposition, so die Lernpsychologen. Bei der Schulung liegt die Entscheidung für den Start noch beim hoffentlich erfahrenen Fluglehrer. Als Freiflieger entscheidet sie selbst, ob das individuelle Angstlevel noch im grünen Bereich liegt. Überschreitet sie die Schwelle zur erhöhten Erregung, kann es brenzlig werden. Angst und Furcht haben also eine wichtige Warnfunktion. Heillose Überforderung kommt auch bei Fliegern vor. Nur so ist es zu erklären, dass Drachenflieger kurz nach dem Start einfach die Arme nach vorne strecken, obwohl die Strömung dadurch sicher abreißt. Oder dass Gleitschirmflieger bei einer Einklappung ohne jede Reaktion passiv abwarten und beim folgenden Spiralsturz die rettende Auslösung des Notschirms einfach unterbleibt. Sich statt dessen wie gelähmt irgendwo festklammern.

 

 

Checken sie ihren Angsttyp

 

Es gibt nun einige Tricks, wie man sein Angstlevel in den Griff bekommt. Wenn ihnen das nicht gelingt dürfen sie auf gar keinen Fall starten!!

Stellen sie fest, wann der unangenehme Zustand am stärksten ist. Es kann sehr hilfreich sein, Nehmen sie sich einmal ein paar Minuten am Boden und denken sie in Ruhe darüber nach, was genau die Angst auslöst und wovor genau sie Angst haben.

Um die Angst im anregenden, positiv wirkenden Bereich zu halten, gibt es einige Tricks, die jeder für sich einmal ausprobieren muss. Wir haben für sie Techniken ausgewählt, die sowohl am Boden als auch in der Luft angewendet werden können.

 

 

Atemtechnik und Psychoregulation

 

Das Herz klopft hörbar. Setzen Sie sich an einen ruhigen Ort, am besten ohne den Startplatz zu sehen. Versuchen sie bewusst die Luft ein- und ausströmen zu lassen. Wenden sie dazu eine rhythmische Silben-Sprech-technik an. Bei der Einatmung sprechen sie die Silbe „ENT“, bei der Ausatmung die Silbe „SPANNT“ bewusst aus. Auf das Wort „ENT“ pressen sie die Faust fest zusammen, auf das Wort „SPANNT“ lösen sie bewusst die Hand und werden ganz locker. Versuchen sie mit ganz wenig Atemzüge auszukommen. Ob es bei Ihnen mit geschlossenen oder geöffneten Augen besser funktioniert müssen sie selbst feststellen. Nach wenigen Minuten sollten sie spüren, wie Ihr Puls und somit ihr Angstlevel deutlich gesunken ist. Der Vorteil: Diese Form kann überall und an jedem Ort, also auch während des Fluges durchgeführt werden. Wenn sie als Drachenflieger schon im Flug wissen, dass die Landung äußerst anspruchsvoll wird, dann probieren sie das nächste Mal auf dem Weg zum Landeplatz diese Methode. Es eignen sich auch die Wörter: „BE-RUHIGT“ oder „GANZ-LOCKER“

 

 

Die Aktivvariante

 

Fast alle Sportler wenden diese Methode im Wettkampf an. Es geht um das „Warmlaufen“. Mit Ganzkörperbewegungen wie bspw. Joggen schlagen sie 2 Fliegen mit einem Streich. Zum einen werden ihre Muskeln für den Start erwärmt und vorgedehnt. Zum anderen bauen sie durch Muskelaktivität Adrenalin ab. Somit wird der kleine Fußmärsche von der Bergbahn zum Startplatz ohne dass sie es merken zum effektiven Angstregulator. Leider kann diese Technik nur am Boden angewandt werden.

 

 

Mentales Training

 

Sie setzten sich dabei intensiv mental mit der bevorstehenden, angstauslösenden Situation auseinander. Diese Methode muss in vollkommener Ruhe, im Sitzen oder noch besser im Liegen stattfinden. Die Maximale Konzentration erreichen sie mit geschlossenen Augen. Jeder einzelne Bewegungsablauf wird in kleine Schritte zerlegt und in Zeitlupe vor ihren geistigen Auge abgespielt. Vor dem Drachenstart könnte dies so aussehen: Einhängen, Liegeprobe, Startcheck, Gerät um beide Achsen ausrichten, Grundstellung einnehmen, Blick in Flugrichtung, Erster Schritt als Geh-Schritt, Langsamer Griffwechsel…

 

 

„Come on – baby“ -  Selbsthypnotische Gespräche

 

Wieder eine Methode, die sie perfekt in der Luft, z.B. beim Meistern einer extrem schwierigen Situation, anwenden können. Mit lauten Aussprüchen oder Ausrufen wie: „Wir (der Schirm/Drache und sie) schaffen das“. „Ich kann das“, „Wir können es, „Gemeinsam schaffen wir es“. Sie sprechen sie selbst Mut zu, haben das Gefühl nicht alleine, im Stich gelassen zu werden. Auch das Singen während des Fluges trägt offensichtlich nicht nur dem Zeitvertreib, sondern dem Adrenalinabbau bei! Na dann los!!!

Klaus Irschik





 
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