Gleitschirmfliegen in der Flugschule Goeppingen
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Aktiver Flugstil

Aktiver Flugstil

 

In ruhiger Luft ist der Gleitschirm auf Grund des tiefen Schwerpunktes ein relativ eigenstabiles Fluggerät. In turbulenten Luftmassen verhält sich dies jedoch anders. Hier muss der Pilot dafür sorgen, dass seine Tragefläche „am Leben“  bleibt. Fly and Glide erläutert die entscheidenden Faktoren für sicheres „Aktives Fliegen“.

 

 

… mit allen Sinnen!

 

So simpel die Flugtechnik mit einem Gleitschirm auf den ersten Blick zu sein scheint, so einfach ist es auch, dieses Gleichgewicht durch Turbulenzen aus dem Gleichgewicht zu bringen. Vor allem auf- und absteigende Luft bringt den Flügel in unerwünschte, kritische Anstellwinkel und Fluggeschwindigkeiten. Aktives Fliegen ist ein Fliegen mit allen Sinnen. Sensibel sein für eine Veränderung der Gleichgewichte: Das bedeutet, zu sehen, wie sich das Horizontbild verschiebt; es bedeutet, zu hören, wie sich die Windgeräusche verändern und zu spüren, wie sich der Winddruck im Gesicht und der Bremsleinendruck auf der Steuerleine verändern!

 

 

Das Pferd stets am Zügel

 

Diesem Steuerleinenzug gilt unser Hauptaugenmerk. Als „angebremster Schirm“ – Fachleute sprechen von 10-20 N Bremsleinenzug – fliegt unser Fluggerät in einem sicheren, mittleren Geschwindigkeitsbereich. Ist der Schirm dagegen in Turbulenzen vollkommen ungebremst, besteht die Gefahren von asymmetrischen oder frontalen Einklappungen. Zu langsames Fliegen wiederum kann symmetrische oder asymmetrische Strömungsabrisse zur Folge haben.

Die optimale Geschwindigkeit zur Vermeidung der eben genannten Extreme liegt somit in einer „sicheren Mitte“. Ganz nebenbei fliegt unser Flügel dadurch gerade  in der Thermik im Bereich des geringsten Sinken und erreicht damit die gewünschte Steigleistung.

 

 

Mit viel Gefühl

 

Was beim Flugzeug der Steuerknüppel und beim Drachen der Steuerbügel, ist beim Gleitschirm der Bremsgriff und in gewisser Weise auch der Druck des Sitzbretts. Vergesst das Vario: Den Gleitschirm fliegt man in erster Linie nach Gefühl und nicht nach Instrumenten.

Um den Bremsdruck optimal zu spüren, bedarf es einer guten Körper, Arm- und Bremsgriffhaltung. Das beste Gefühl hat man mit leicht angewinkelten, lockeren Armen in einer ergonomischen Körperhaltung. Eine verkrampfte Armhaltung ist an nach unten gerichteten Handgelenken oder an der zur Faust geballten Hand zu erkennen. Übrigens: Auch Formel 1-Piloten erzielen die beste Feinmotorik mit leicht im Ellenbogen angewinkelten Armen!

Das Aktive Fliegen beginnt, sobald aerodynamische Kräfte wirken. Also nicht erst, wenn der Pilot vom Boden abgehoben hat, sondern schon sehr viel früher. Genau genommen beim Loslassen der vorderen Tragegurte während des Startvorgangs. Würde diese Tatsache mehr berücksichtigt, gäbe es vermutlich weniger Unfälle während der Startphase. Gerade kurz nach dem Loslassen der Tragegurte kann der fehlende Bremsdruck manchmal sogar bis zu 100 Prozent Bremszug erfordern, um das Vorschießen der Kappe zu verhindern!

 

 

Haltung bewahren

 

Gerade in turbulenter Luft kommt es vor, dass ein Tragegurt unvermittelt komplett entlastet. Um nicht sofort auf die entlastete Seite zu fallen, ist neben einer gewissen Körperspannung auch eine Stabilisierung im Gurtzeug sinnvoll. Dies erreicht der Pilot zum einen durch eine relativ aufrechte, durch die Seitenverstellung unterstützte Körperhaltung. Die Beine sollen möglichst unter dem Sitzbrett an den Fersen verschränkt und die Knie leicht auseinandergedrückt werden. Wenn jetzt noch der Brustgurt von 1/4 bis 1/3 zugezogen ist, sind die maximalen Sicherheitsmassnahmen getroffen.

Die Länge des Brustgurtes ist außerdem entscheidend für das „Handling“ des Gleitschirms. Zentimeterweise kann hier die individuell optimale Breite im Test „erflogen“ werden. Auch hier liegt das Optimum im Kompromiss. Ganz offen ist genauso kritisch wie ganz zugezogen

 

 

Alles im Griff?

 

Es gibt mehrere Möglichkeiten, die Steuerleine zu halten. Alle Grifftechniken enthalten Vor- und Nachteile. Alleine schon um beim längeren Fliegen das „Einschlafen“ der Finger und das zu schnelle Frieren zu verhindern, sollte die Griffart von Zeit zu Zeit gewechselt werden. Einige Piloten berichten beispielsweise, dass sie beim Fliegen in der sogenannten „Fisherman-Technik“ einen besseren Kontakt und speziell beim Thermikfliegen eine bessere Empfindung für die Bewegungen der Kappe hätten. Fisherman-Technik deshalb, weil der Angler ebenfalls die Schnur zwischen Zeigefinger und Daumen hält, um das Anbeißen des Fisches besser zu spüren.

Darüber hinaus heisst es auch, dass das Fliegen in der Zugzone das gefühlvollere Fliegen ermöglicht. Dies ist vermutlich der Grund, warum viele Piloten vor allem beim Thermikfliegen gerne 1-2 mal „gewickelt“ fliegen.

Die Originaleinstellung der Bremsleinen empfinden viele Piloten als zu lang. Doch nur lange Bremsleinen erlauben es, durch Wickeln die Hand- und Armposition zu verändern. Dadurch werden immer wieder andere Muskelpartien beansprucht, was vor allem bei längeren Flügen von Vorteil sein kann. Der Pilot muss sich nur darüber klar sein, dass er beim „Wickeln“ die Hände an den Bremsgriff gefesselt hat, was im Falle einer Rettungsauslösung lebenswichtige Sekunden kosten kann. Die sogenannte Skistockhaltung bietet einen guten Kompromiss: Sie verkürzt die Bremsleine um 5 cm und erlaubt trotzdem ein schnelles Loslassen.

 

 

Trainingsmöglichkeiten

 

Sowohl in der Luft als auch am Boden lässt sich aktiver Flugstil trainieren. Hierbei wird der Gleitschirm bewusst aus dem Gleichgewicht gebracht, extreme Anstellwinkel und Fluggeschwindigkeiten künstlich erzeugt und anschließend wieder korrigiert. Dies kann man ganz unproblematisch im laminaren und  mässigen Wind beim Bodenhandling trainieren. Während eines Sinkfluges lassen sich Nick- und Rollbewegungen durch rhythmisches Aufschaukeln erreichen. Extreme Pendelbewegungen bedürfen der optimalen Koordination von Bremsen und Körpersteuerung und sollten vor allem zu Beginn über Funk durch einen Fluglehrer angeleitet werden.

 

Klaus Irschik


 
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